POLEN POSSESSION POMPEJI

Possession - Andrzej Zulawski Isabelle Adjani und Sam Neill in POSSESSION (1981)

Almost… almost… almost…

Andrzej Żuławskis „Possession“: Der ultimative Berlin-Film zum ersten Mal regulär im Kino – im Open Air am Ostkreuz!

Bitte, lieber Leser, stell dir vor, es wären die 1970/80er Jahre. Du wärst ein polnischer Filmregisseur, dem unmögliche Produktionsbedingungen die Arbeit in der Heimat verleiden und der deshalb wie alle polnischen Versager die Flucht nach Westen, am liebsten nach Frankreich, antritt. Du hast eine Vorliebe für höchstens 18 Jahre junge angehende Star-Schauspielerinnnen (das geht jetzt wahrscheinlich in der Hauptsache nur mit dem männlichen Leser, die verehrte Leserinnenschaft sollte aber gerade fortfahren; ansonsten ist dieses Thema für diesen Beitrag ohnehin nicht von Belang).

Du drehst mit großem Erfolg ein ziemlich gutes und glaubwürdiges, ja geradezu erschütterndes Melodram, mit einer ehemals ohne eigenes Verschulden versisselten und mittlerweile verdammt guten Schauspielerin in der Hauptrolle. In der Nebenrolle rührt der extrovertierteste deutsche Schauspieler aller Zeiten zu Tränen. Die Hauptdarstellerin erhält für ihre Leistung, die DU ihr abverlangt hattest, einen César.

Ein paar Jahre später, in der Heimat an der Weichsel lief’s noch genauso mies wie zuvor, die Partei ist immer noch allhie und machte dich fertig und deinen nächsten Film platt und du bist also erneut zur Seine hinüber und willst dein erfolgserprobtes Konzept wiederholen. Du holst dir richtig gute Leute ins Boot und dein Kopf ist voller krasser Einfälle, die du zusammen mit einem amerikanischen Schriftsteller, der auch noch mit Roy Lichtenstein befreundet ist, auch alle im Drehbuch unterbringst. Und in die Hauptrollen bringst du zwei junge Menschen, denen du alles, aber auch wirklich alles abverlangst und das ist nicht nur so ein Spruch, du tust es wirklich. Ein bisschen aus Rache am blöden Osten drehst du im Westteil der berühmtesten Frontstadt der Welt und zwar immer schön an der Mauer entlang, damit sie dich auch ja sehen.

Und dann ist dein Film endlich fertig und du gehst damit geradewegs zum wichtigsten A-Festival. Bingo! Deine Hauptdarstellerin bekommt den Preis! Und den César, oh là là! Doch was ist das?! Du hast in Deutschland gedreht, doch die Deutschen wollen deinen Film nicht. Und die Briten! Die spinnen! Verbieten, ja tatsächlich, verbieten deinen Film! Und die Amis! Schneiden deinem Filmbaby Arme, Beine, Kopf und überhaupt alles ab. WTF?! Well, so kann’s gehen, das war jetzt irgendwie dumm gelaufen. Macht jetzt aber auch nichts, du sicherst dir die nächste junge Braut, drehst mit ihr ein paar Filme, heiratest sie und bist also wieder voll da, im Gegensatz zur Mauer, die ist nun auch weg.

Und worauf will ich hinaus? Das habe ich nach einer guten Anfangsidee inzwischen vergessen, und weil das jetzt schon zuviel der Vorstellung und zu lang des Newsletters ist, möchte ich ohne weiteres Ado zum Punkt kommen.

Possession - Andrzej Zulawski
Westberlin in Mauernähe – POSSESSION (1981)

=== SPOILER ===

In Deutschland nie im Kino oder TV gelaufen, in den USA nur in einer arg verstümmelten Fassung veröffentlicht, in England verboten und in Cannes 1981 sowie beim César 1982 mit den Preisen für die beste Schauspielerin ausgezeichnet: Der progressiv exzessive, hochsymbolische und kaum zu definierende Genremix aus Liebes- und Ehedrama, Psycho- und Horrortrip, Agenten-, Paranoia- und Alien-Thriller, ist der ultimative (West-) Berlinfilm, gedreht in Kreuzberg vom polnischen, aufgrund unmöglicher Arbeitsbedingungen nach Frankreich emigrierten Regisseur Andrzej Żuławski und nun nach gerade einmal 34 Jahren regulär im Kino zu sehen!

Żuławski zwingt die beiden Hauptdarsteller Isabelle Adjani und Sam Neill wie auch zuvor Romy Schneider und Fabio Testi in seinem bekanntesten Film Nachtblende (1974) zu extremen emotionalen Ausbrüchen und lässt die großartig operierenden Schauspieler ihre physischen Grenzen überschreiten und dabei die Zuschauer atem- wie ratlos, gleichermaßen gefesselt wie verstört zurück. Beide Filme verhalfen ihren Hauptdarstellerinnen für ihre herausragenden Leistungen zu Auszeichnungen mit dem César für eben dies: Beste Hauptdarstellungen.

Der renommierte Kameramann Bruno Nuytten und damalige Lebensgefährte Adjanis (Camille Claudel) liefert neben einer nervös um die Antagonisten kreisenden Kamera unglaubliche Endzeit-Stadtansichten eines heruntergekommenen Bezirkes und hat dabei immer wieder die Mauer und ostdeutsche Grenzer im Blick. Das Drehbuch zum Film verfasste Andrzej Żuławski zusammen mit dem amerikanischen Schriftsteller Frederic Tuten, der ein Freund Roy Lichtensteins war. Und das Alien wurde von Carlo Rambaldi kreiert, der für seine SFX zweimal den Oscar erhielt, nämlich für Alien und E.T..

Possession Andrzej Zulawski Das Haus an der Mauer – POSSESSION (1981)

Und warum der Film nun eine so schwierige Rezeption erfuhr? Tja, warum löste beispielsweise Ingmar Bergmans Drama Das Schweigen 1963 eine große Zensurdebatte in Europa aus, die zu einem anfänglichen Verbot in Frankreich und Kürzungen in anderen Ländern führte (der Vergleich hinkt insofern, als das Bergmans Film durch die erbitterte Debatte einen wahnsinnigen Zulauf in den Kinos und damit ein Millionenpublikum erhielt, jedoch 20 Jahre später Żuławskis Film kaum in den Kinos gezeigt werden konnte)? Warum sind zahlreiche, mittlerweile zu hochgelobten Filmklassikern avancierte Genrefilme auf dem deutschen Index oder gar auf der Liste jugendgefährdender Medien gelandet, wo sich einige Fälle auch heute noch befinden?

Possession hatte einfach ziemliches Pech: Abgesehen von der simplen Tatsache, dass sich die Hauptdarsteller abwechselnd andauernd auf die Fresse geben oder sich selbst verstümmeln und deshalb immer aus dem Gesicht oder anderswo bluten, wurde der Film in eine gerade in Europa, vor allem in England, entfachte Boulevard-Diskussion über sogenannte „video nasties“ hinein-, besser herabgezogen. Die mediale, politische und moralische Öffentlichkeit erschufen sich mit der erfolgreichen Marktneuheit VHS-Kassette einen neuen Teufelsmythos, den es zu bannen galt und den beispielsweise David Cronenberg 1983 mit seinem fantastischen Film Videodrome ironisierte. Und so geriet der Film in Vergessenheit…

Erst drei Jahrzehnte später wird der wertvolle Schatz aus der Tiefsee der Filmgeschichte gefischt und erscheint 2009 zum ersten Mal in Deutschland – auf DVD. Und nun präsentiert das kleine, aber wackere Label Drop-Out Cinema das seit langem als Kultfilm verehrte Drama im Kino. Vom Mülleimer der Filmgeschichte zum Open Air Screening: jetzt könnt ihr endlich eine Vorführung in Full-HD und vor allem im passenden Ruinen-Ambiente genießen. Augen auf und durch!

OmU | Berlin-Liebes-Psycho-Drama, Frankreich/BRD 1981, 123 Min. Regie: Andrzej Żuławski. Darsteller: Isabelle Adjani, Sam Neill, Heinz Bennent. Auszeichnungen für die herausragende Leistung von Isabelle Adjani: „Beste Darstellerin“ Cannes 1981, „Beste Hauptdarstellerin“ César 1982

Wann?
Noch bis zum 10. Juni, täglich 21:45 Uhr
(leider ohne den Samstag, ein ziemlich öder Tag im Freiluftkino für im Abseits stehende Fußballfeinde; wenngleich öffentliches Fußballschauen durchaus Spaß machen kann, wenn die eigene Brauerei nebenan lokalisiert ist)

Be seeing you!
W. Gladow (-Bande)

www.zukunft-ostkreuz.de

Possession - Andrzej Zulawski Isabelle Adjani und Sam Neill in POSSESSION (1981)

TILSITER LICHTSPIELE
Programmkino & Kneipe
Kino in Friedrichshain seit 1908
Richard-Sorge-Str. 25a, 10249 Berlin
Tel. 030/4268129
www.tilsiter-lichtspiele.de

ZUKUNFT am Ostkreuz
Kino Konzerte Kunst Kneipe
Kino Zukunft • Freiluftkino Pompeji • Theater • Tiefgrund
Bildersaal • Biergarten • Brauerei • Waldgarten
Laskerstr. 5, 10245 Berlin
Tel. 0176/57861079
www.zukunft-ostkreuz.de

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Über Gladow-Bande

Werner Gladow war der Al Capone von Friedrichshain - und ein Filmfreak, der sein Wissen aus amerikanischen Gangsterfilmen bezog. 1950 wurde er hingerichtet, da war er gerade mal 19 Jahre alt - nun kümmert er sich als W. Gladow um Programm & Propaganda der Kino-Troika Friedrichshain, bestehend aus Tilsiter Lichtspiele, Kino Zukunft & Freiluftkino Pompeji sowie um das ZUKUNFT :: Ranch am Ostkreuz.
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